| Startseite | Behandlungsspektrum | Sprechzeiten | Standort | Die Praxis | News | Informationen | Impressum |
INFORMATIONEN
Ästhetische Zahnheilkunde
Chirurgie
Prophylaxe
Risikopatienten
Prophylaxe
Milchzähne
Fissurenversiegelung
Plaquereduktion
Mundschutz
Zähneknirschen
MFT
Myofunktionelle Übungen/Myofunktionelle Therapie
Quelle:
DZZ
1988.
Fehlfunktionen der orofazialen Muskulatur (wie z. B. Zungenpressen,
Lippenbeißen, Wangensaugen etc.) können Zahnstellungsanomalien,
Okklusionsstörungen, Dysgnathien und Parodontopathien auslösen oder
als ursächliche Cofaktoren erschweren. Die ungestörte Muskelfunktion
bzw. deren Normalisierung ist daher für die regelrechte
Gebißentwicklung von großer Bedeutung. Andererseits können
morphologische Abweichungen im Gebißsystem zu Störungen der
Muskelfunktion führen, die sich durch Korrektur der Fehlstellungen
beheben lassen, sofern nicht andere negative Einflüsse (z.B. Lutschen,
erschwerte Nasenatmung durch Adenoide etc.) vorliegen. Form und
Funktion stehen demnach in enger wechselseitiger Abhängigkeit.
Zur Behebung von Fehlfunktionen der orofazialen Muskulatur
bei Kindern stehen zwei Methoden zur Verfügung:
-apparative Maßnahmen, d.h. die eigentliche kieferorthopädische
Behandlung, welche sowohl morphologische wie auch funktionelle
Abweichungen korrigieren kann, und
-myofunktionelle Übungen, die primär die Muskelfunktion
normalisieren sollen, jedoch über eine Veränderung des
Funktionsmusters auch in der Lage sein können, dysgnathe Entwicklungen
zu beeinflussen.
Im letztgenannten Gebiet, den myofunktionellen Übungen, überlagern
sich teilweise die Arbeitsbereiche von Logopäden und Kieferorthopäden,
da muskuläre Fehlfunktionen - insbesondere der Zungenmuskulatur -
negative Auswirkungen sowohl auf das Sprach-Lautbild als auch auf die
Gebißmorphologie haben können.
Überlegungen, durch eine Art gymnastischer Übungen die orofaziale
Muskulatur zu trainieren und zu stärken, wurden bereits zu Beginn
unseres Jahrhunderts angestellt. So wies Rogers (16, 17, 18)
auf die Möglichkeit der Unterstützung kieferorthopädischer Bemühungen
durch Muskelübungen hin. Auch viele Vertreter der
Funktionskieferorthopädie (Andresen und Häupl (1), Balters
(2), Fränkel (8, 9, 10) u.a.) hoben die Bedeutung begleitender
myofunktioneller Übungen im Rahmen der kieferorthopädischen Therapie
hervor. Strittig war und ist jedoch, inwieweit myofunktionelle Übungen
allein ohne apparative kieferorthopädische Behandlung - in der
Lage sind, dysgnathe Zustände zu korrigieren. Umstritten ist auch das
Primat der aktiven Erziehung der oralen Funktion, d.h.
der Notwendigkeit, beim Vorliegen von Malokklusionen zuerst das orale
Funktionsmuster zu normalisieren in der Hoffnung auf eine korrekte
Gebißentwicklung ohne den Einsatz kieferorthopädischer Geräte.
Erfahrungen mit myofunktionellen Übungen wurden in Europa vorzugsweise
in Publikationen aus Polen, der ehemaligen DDR, der früheren
Sowjetunion und anderen osteuropäischen Ländern mitgeteilt (4, 13,
22). Diesen Arbeiten ist zu entnehmen, daß für die planmäßige
Durchführung einer Umerziehung der orofazialen Muskulatur nicht nur
eine kontinuierliche Überwachung der Kinder erforderlich ist (was z.
B. in Kindergärten möglich wäre), sondern auch eine ausreichende
Anzahl geschulter Fachkräfte. Die Kritik an der Effizienz dieser
Maßnahmen setzt daher häufig an dem unausgewogenen Verhältnis zwischen
dem großen personellen und zeitlichen Aufwand und dem im Vergleich zur
apparativen kieferorthopädischen (Früh-)Behandlung unsichereren
Effekte an (4, 15). Die sowohl in osteuropäischen Ländern als auch von
amerikanischen Orthodonten publizierten Untersuchungsergebnisse lassen
zusammenfassend den Schluß zu, daß myofunktionelle Übungen als
alleinige Behandlungsmaßnahme in ihrer Indikation weitgehend zu
begrenzen und in ihren Erfolgsaussichten sehr skeptisch zu beurteilen
sind (14, 21, 22). Als Maßnahme zur Unterstützung der apparativen
kieferorthopädischen Therapie werden myofunktionelle Übungen hingegen
überwiegend als brauchbar angesehen. Auch die in jüngster Zeit
publizierten Berichte über die erfolgreiche Korrektur gravierender
Zungenfunktionsstörungen bei Kleinkindern mit Morbus Down (5, 6, 12)
sprechen für die Wirksamkeit gezielt eingesetzter Myotherapie.
Generell positive Wertungen und Berichte über eine erfolgreiche
Durchführung myofunktioneller Behandlungen kommen hauptsächlich aus
dem Lager der Sprach- bzw. Myotherapeuten (3, 11 u. a.); jedoch
handelt es sich zumeist um kasuistische Beiträge, die den
wissenschaftlichen Nachweis zuverlässiger Wirksamkeit auf breiter
Basis nicht erbringen konnten.
Die Diskussion um den Stellenwert myofunktioneller Übungen wurde in
den vergangenen Jahren insbesondere durch den Ausbau, die
Systematisierung und die Indikationsausweitung in Richtung auf eine
eigenständige Therapieform, wie sie vor allem von Garliner
und seinen Anhängern propagiert wird, neu entfacht und verschärft.
Zur Durchführung dieser eigenständigen, systematisierten
myofunktionellen Therapie (MFT) wurden jedoch bereits vor Garliner
(z.B. von Straub (20), Barrett (3) u.a.) Programme
beschrieben, welche aus aufeinander aufbauenden und sich im
Schwierigkeitsgrad steigernden Übungsschritten bestehen.
Als günstigsten Zeitpunkt für eine erfolgversprechende Durchführung
dieser Maßnahmen nennt Barrett (3) das Alter vom 8. Lebensjahr
an, während Garliner (11) Erfolge auch noch bei der Anwendung
im Erwachsenenalter für möglich hält.
Bereits 1982 wurde in einem kurzen Statement der DGZMK (7)
darauf hingewiesen, daß die Indikationsausweitung, welche Garliner
und die Anhänger seiner Methode dieser Form der myofunktionellen
Therapie zusprechen, nicht unwidersprochen bleiben könne. Zur
allgemeinen wissenschaftlichen Anerkennung fehlen noch notwendige
Kriterien der Beweisführung und der Reproduzierbarkeit durch andere
Wissenschaftler sowie ein allgemein akzeptierter Indikationskatalog.
Zu einer endgültigen Stellungnahme über den Stellenwert dieser
Therapie bedürfte es weiterer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Diese
Einschätzung hat auch heute noch vollinhaltlich Geltung.
Die "explosionsartige Verbreitung" der MFT in Europa durch Garliner
und seine Anhänger veranlaßte 1987 die Vorsteher der
Abteilungen für Kieferorthopädie an den Universitäten der
Schweiz zu einer sehr kritischen Stellungnahme (19), in welcher sie
den Stellenwert und die Wirksamkeit dieser zeitlich und finanziell
belastenden Maßnahme in Frage stellten. Die therapeutische
Programmstruktur von Garliner wurde angesichts der fehlenden
wissenschaftlichen Basis auch von dieser kompetenten Seite als
untauglich angesehen, "sich in der propagierten Form als therapeutisch
zuverlässige Komponente in der Kieferorthopädie zu qualifizieren". Die
zahnärztlichen Kollegen in der Schweiz wurden vor einem fragwürdigen
Verfahren gewarnt, damit nicht Kinder nutzlosen oder wenig
erfolgversprechenden Therapieformen unterworfen würden.
Bis zur Vorlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und eindeutiger
Beweise sieht auch die DGZMK keine Veranlassung, ihre bereits 1982
geäußerte kritische Einstellung zum Programm der MFT nach
Garliner zu revidieren.
P. Schopf, Frankfurt