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Plaquereduktion mechanisch oder chemisch?
Quelle:
DZZ 1995.
1. Mechanische
Plaquereduktion Zähneputzen
Zur Prophylaxe von Karies, Gingivitis und Parodontitis ist die regelmäßige
und systematische Entfernung von Plaque erforderlich. Es wird diskutiert, ob
hierzu eine einmal täglich durchgeführte gründliche Gebißreinigung
ausreicht. Schon in der 1979 von König verfaßten Stellungnahme der DGZMK
wird ausgeführt, daß orale Mikroorganismen auf gründlich gesäuberten
Zahnoberflächen ca. 24 Stunden benötigen, um eine stoffwechselaktive Plaque
zu etablieren. Hieraus wird z.T gefolgert, einmal tägliches Zähnereinigen
sei ausreichend. Allerdings erfordert eine erfolgreiche Umsetzung dieser
Strategie die optimale Anwendung von Zahnbürste, Zahnseide und/oder
Interdentalbürste und Kontrolle mittels Plaque-Revelatoren. Das gelingt
jedoch nur einem geringen Teil hochmotivierter Patienten. Bei Proklamation
der Idee "Besser einmal täglich gründlich reinigen als dreimal flüchtig"
bestehe angesichts der Bereitschaft, sich selbst bezüglich der Qualität der
eigenen Mundhygiene zu täuschen, die Gefahr, daß alsbald lediglich einmal
täglich flüchtig geputzt wird.
Im Gegensatz zu früher finden sich in der neueren Literatur vermehrt
Arbeiten, welche einen Zusammenhang zwischen täglicher Putzhäufigkeit und
dem Kariesbefall feststellen. Dies gilt sowohl für das Milchgebiß als auch
für das bleibende Gebiß. Es ist zwar offen, inwieweit hierfür die
eigentliche mechanische Reinigung oder inwieweit der Fluoridgehalt der dabei
verwendeten Zahnpaste ausschlaggebend ist. Verschiedene Autoren sind jedoch
der Auffassung, daß zur Kariesreduktion auch die Häufigkeit von
Reinigungsmaßnahmen meßbar beitrage und daß sich der Effekt des eigentlichen
Putzens über den Fluoridierungseffekt hinaus auswirke. Es konnte gezeigt
werden, daß der karieshemmende Effekt zweimaligen täglichen Zähneputzens
größer ist als derjenige, welcher bei lediglich einmaligem täglichen Putzen
auftritt.
Weitere Argumente für mehrfaches tägliches Zähneputzen sind:
Durch regelmäßige, wenn auch unvollkommene, mehrmals täglich durchgeführte
Zahnreinigung erfolgt gemäß König (1993) eine gewisse Reduktion pathogener
Mikroorganismen.
Regelmäßige Zahnreinigung entfernt Speisereste und verringert dadurch das
Substrat für bakteriellen Stoffwechsel.
Interdentale Plaque kann Fluorid nur weniger als 24 Std. lang speichern.
Dies bedeutet, daß zum Erreichen, und Erhalt einer ausreichenden
Fluoridkonzentration in Gebißabschnitten, welche der mechanischen Reinigung
schwer zugänglich sind, mehr als einmal täglich Fluorid zugeführt werden
sollte.
Gingivitisprophylaxe besteht nach Rateitschak (1992) einzig aus Maßnahmen
der Mundhygiene. Mit zunehmender täglicher Zahnputzhäufigkeit sinkt der
Entzündungsgrad der Gingiva.
Aus diesen Feststellungen folgt, daß die Empfehlung, täglich mehrmals die
Zähne zu reinigen, weiterhin Gültigkeit hat. Die Zahnreinigung sollte
mindestens zweimal täglich erfolgen. Hierzu bedarf es der Anwendung von
Putzmethoden und Hilfsmitteln, welche individuell auf den einzelnen
Patienten abgestimmt sein müssen. Es sollten nur solche Methoden und
Hilfsmittel empfohlen werden, zu deren sinnvoller Anwendung der Patient
willens und in der Lage ist. Unter dieser Einschränkung können mit der
modifizierten Bass-Technik oder mit der Rotationsmethode gute Ergebnisse
erzielt werden. Manuelle oder elektrisch betriebene Zahnbürsten mit
abgerundeten Borstenenden und kleinem Bürstenkopf sowie fluoridhaltige
Zahnpaste stellen die Grundvoraussetzungen zur Zahnreinigung dar.
Interdentalräume sind in der Regel nur durch Anwendung von Zahnseide oder
Interdentalbürste zu reinigen.
Als mögliche Nebenwirkungen, weiche sich aus unsachgemäßer oder
übertriebener Mundhygiene ergeben können, werden die Entstehung von Defekten
an Gingiva und Zahnhartsubstanzen diskutiert sowie bei regelmäßigem
Verschlucken größerer Mengen fluoridhaltiger Pasten in den ersten 8
Lebensjahren die Ausbildung von Schmelzflecken beschrieben. Durch
individuelle Anleitung zu sachgemäßer Mundhygiene und durch sparsame
Anwendung von Pasten mit reduziertem Fluoridgehalt im Kindesalter sind
solche Nebenwirkungen zu vermeiden.
2. Chemische Plaquereduktion
Angesichts der mechanisch meist nur unvollkommenen Gebißreinigung wird
versucht, durch chemische Plaquereduktion die mechanische Mundhygiene zu
unterstützen. Es muß jedoch herausgestellt werden, daß eine Verringerung der
Plaquemenge nicht zwangsläufig eine in gleichem Ausmaß verringerte Karies-
oder Gingivitisgefährdung bedeutet.
Antibakteriell wirkende Substanzen können mit Hilfe von Zahnpasten,
Spüllösungen, Gelen oder Lacken appliziert werden. Für die chemische
Plaquehemmung sollten Mittel verwendet werden, welche spezifisch gegen die
hauptsächlich mit Karies und Gingivitis assoziierten Keimarten wirksam sind.
Wegen der primär nur kurzen Kontaktzeit zur Plaque ist eine verlängerte
Verfügbarkeit der Substanzen durch reversible Bindung an orale Strukturen
wünschenswert, ohne daß die Substanzen an Wirkung verlieren. Verbindungen,
welche diese Eigenschaft aufweisen, werden als Mittel mit hoher
Substantivität bezeichnet. Schließlich müssen Verbindungen zur langfristigen
Anwendung als Prophylaktikum frei von Nebenwirkungen sein.
Eine ideale Substanz zur chemischen Plaquereduktion ist bislang noch nicht
gefunden worden. Chlorhexidin (Chlorhexidin-Digluconat) gilt im Vergleich zu
allen anderen Mitteln der chemischen Plaquereduktion wie Metallionen,
quarternären Ammoniumverbindungen, phenolischen Substanzen, Sanguinarin oder
Fluorid als am wirkungsvollsten. Angesichts seiner Nebenwirkungen wie
Verfärbungen oraler Gewebe und Geschmacksirritationen, in einzelnen Fällen
auch Schleimhautveränderungen, wird von einer ungezielten langfristigen
Anwendung zum Zwecke der Prävention jedoch abgeraten. Chlorhexidin kann als
therapeutisch wirksame Substanz bei entsprechender Indikation z. B. prä-
bzw. postoperativ, während kieferorthopädischer Behandlung oder nach
Kieferbruch-Schienung gezielt eingesetzt werden. Weitere Indikationen können
während der Schwangerschaft, bei umfangreichen Zahn- oder
Parodontalsanierungen oder bei Behinderten gegeben sein.
Der Stellenwert der antibakteriellen Wirkung von Fluorid in vivo bedarf noch
der Klärung. Ungeachtet dessen hat Fluorid jedoch uneingeschränkte Bedeutung
in der Kariesprophylaxe durch die Remineralisation initialkariöser Defekte.
Neue plaquehemmende Wirkstoff e oder Zusammenstellungen versuchen die
klinische Effektivität auf verschiedene Weise zu steigern. Der langfristige
Effekt der verschiedenen Strategien (Kombination verschiedener
antibakterieller Substanzen, Erhöhung der Substantivität des eigentlichen
Wirkstoffes durch Beifügen eines Hilfsstoffes, Unterbindung der Anheftung
bestimmter Bakterienarten an Zahnoberflächen und Pellikel) bleibt
abzuwarten. Nach dem heutigen Wissensstand kann die chemische
Plaquereduktion als Ergänzung der mechanischen Maßnahmen dienen, keinesfalls
jedoch als deren Ersatz. Gingivitiden können an zugänglichen
Gebißabschnitten durch unterstützende Anwendung antibakterieller Wirkstoffe
verringert werden. Allerdings werden Problemzonen wie lnterdentalräume oft
auch auf diese Weise nicht erreicht.
3. Zusammenfassung
Je öfter die Gebißreinigung mit einer fluoridhaltigen Paste erfolgt, desto
größer ist die Kariesreduktion. Daher sollten die Zähne täglich mindestens
zweimal gereinigt werden. Die damit verbundene beschleunigte Entfernung von
Speiseresten und die gleichzeitige Gingivitisprophylaxe unterstützen diese
Forderung. Bei Befolgen individueller Hinweise zur geeigneten Mundhygiene
bleibt auch mehrmaliges tägliches Zähneputzen ohne negative Auswirkungen auf
Zähne und Gingiva. Substanzen zur chemischen Plaquereduktion können eine
Ergänzung der mechanischen Mundhygiene darstellen. Sie sollten spezifisch
wirksam sein. Chlorhexidin sollte therapeutischen Indikationen vorbehalten
sein. Mit verschiedenen Substanzen wurde eine begrenzte Reduktion von Plaque
und Gingivitis nachgewiesen. Offen bleibt bislang hingegen in vivo der
Nachweis eines karieshemmenden Effektes.
U. Schiffner, Hamburg