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Zahnärztliche-chirurgische Eingriffe bei Diabetikern
Quelle:
DZZ 1996.
Der Diabetes mellitus ist charakterisiert durch eine relative oder absolute Abnahme der Insulinausschüttung oder -wirkung mit der Folge eines gestörten Glukosestoffwechsels und einer Hyperglykämie. In der Bundesrepublik Deutschland leiden zwischen 2,5-4,8 % der Gesamtbevölkerung an dieser Erkrankung und eine etwa gleichhohe Dunkelziffer unerkannter Fälle ist anzunehmen. Man unterscheidet bei dieser Erkrankung den
Typ I
=Insulinmangeldiabetes = IDDM / insulin dependent
diabetes mellitus - früher: juveniler Diabetes
(5-6 % aller Diabetiker)
Typ II
=Insulin-unabhängiger Diabetes = NDDM / non insulin
dependent diabetes mellitus - früher:
Altersdiabetes
(IIa - ohne Übergewicht, IIb - mit Übergewicht)
und daneben noch den Schwangerschaftsdiabetes, die Pathologische
Glukosetoleranz und sekundäre Formen. Je nach Art des Diabetes
mellitus ist eine diätetische Regulierung möglich oder eine
Einstellung durch orale Antidiabetika oder Insulininjektionen
notwendig.
Bei längerbestehendem, unzureichend eingestellten Diabetes
mellitus kommt es zu Mikro- und Makroangiopathien, die sich als
Retinopathie, Glomerulosklerose, Neuropathie und frühzeitige
Arteriosklerose manifestieren. Daraus resultiert eine erhöhte
Inzidenz für Myokardinfarkte, Apoplex, Nierenversagen,
Polyneuritis, Katarakt und den diabetischen Fluß.
Neben diesen allgemeinmedizinischen Folgen sind für die
zahnärztliche Chirurgie noch die allgemeine Infektanfälligkeit von
Bedeutung und für den oralen Bereich die gehäuften
Parodontalabszesse, Wundheilungsstörungen nach Extraktionen,
persistierende Ulzerationen, Gingivahyperplasien und
Mundwinkelrhagaden hervorzuheben. Eine orale Polyneuropathie kann
zur Mundtrockenheit führen und entsprechende Probleme hervorrufen.
Über lichenoide Reaktionen auf Antidiabetika vom
Sulfonylharnstoff-Typ wird berichtet.
Da es sich bei den meisten zahnärztlich-chirurgischen Eingriffe um
Wahleingriffe handelt, ist bei der Terminwahl der besonderen
Stoffwechselsituation des Diabetikers Rechnung zu tragen. Bei
stabiler Blutzucker-Einstellung sind kürzere, zeitlich
überschaubare Eingriffe morgens nach dem Frühstück und nach der
eventuellen Insulininjektion zu planen. Hierdurch können
hypoglykämische Zustände in der Regel vermieden werden. Die
Behandlungstermine sollten dabei auch der nachfolgenden,
zeitgerechten antidiabetischen Medikation und der geregelten
Nahrungsaufnahme Rechnung tragen.
Bei unklarer Stoffwechseleinstellung, nicht eindeutiger Sicherheit
der Insulindosierung und -verabreichung und auch vor
Langzeitoperationen ist mit dem behandelnden Arzt Kontakt
aufzunehmen. Zu beachten ist, daß Streß (auch die Belastung unter
der Operation), lokale Infektionen, eine Kieferklemme und jegliche
Nahrungskarenz die Stabilität des diabetischen Zustandes
beeinflussen. Hierdurch kann sehr schnell eine Änderung der
Insulindosierung und damit eine engmaschige Blutzuckerkontrolle
durch den mitbetreuenden Arzt und den Patienten selbst notwendig
werden. Bei manifester Stoffwechselentgleisung sind operative
Eingriffe zurückzustellen oder eine Klinikeinweisung vorzunehmen.
Unter stabilen Blutzuckerverhältnissen ist die Verwendung eines
Lokalanästhetikums mit einem Adrenalinzusatz von 1:200 000
möglich. Die insulinantagonistische Wirkung des Adrenalins dürfte
bei den notwendigen Mengen für umschriebene Eingriffe keine große
Bedeutung haben. Wesentlich eher werden sich die diabetischen
Folge- und Begleiterkrankungen als Kontraindikationen für eine
Adrenalingabe darstellen. In Zweifelsfällen ist einem
Lokalanästhetikum ohne Vasokonstriktor der Vorzug zu geben.
Noradrenalin ist keine Alternative und sollte heute in der
zahnärztlichen Praxis generell nicht mehr eingesetzt werden.
Bei jedem länger bestehenden Diabetes und insbesondere bei
instabiler Diabetes-Einstellung ist der Einsatz von Antibiotika
bei zahnärztlich-chirurgischen Eingriffe sinnvoll. Bereits 24
Stunden vor dem Eingriff beginnend, wird bei oraler Medikation ein
ausreichender Gewebespiegel erreicht, wobei gleichzeitig auch der
Gefahr einer Bakteriämie vorgebeugt wird. In der Regel ist ein
orales Penicillinpräparat ausreichend. Die fortgesetzte Einnahme
für weitere 4-6 Tage trägt der allgemeinen Infektanfälligkeit und
den bekannt häufigeren Wundheilungsstörungen Rechnung. Eine
abschließende Naht zum Wundverschluß oder zumindest zur Annäherung
der Wundränder trägt ebenfalls zur Verminderung des Risikos einer
Wundinfektion bei.
Obwohl Acetylsalicylsäure generell nicht als Analgetikum nach
operativen Eingriffen eingesetzt werden sollte, sei darauf
hingewiesen, daß ein synergistischer Effekt mit einigen
Antidiabetika eine Hypoglykämie hervorrufen kann.
G. Wahl, Bonn